Brandenburg.NABU.de NABU NAJU Brandenburg Projekt Gerswalde
Stiftung tritt NAJU-Arbeit mit Füßen!
Waisenhausstiftung tritt Arbeit der NAJU mit Füßen!
Gelände der „Naturwerkstatt“ Gerswalde soll an Privatleute veräußert werden
13. Dezember 2012 -
Im Jahr 2003 bot die öffentlich-rechtliche Stiftung des Landes Brandenburg „Großes Waisenhaus zu Potsdam“ der Naturschutzjugend Brandenburg (NAJU) das zu der Zeit völlig verwilderte und seit zehn Jahren ungenutzte Gelände der alten Schlossgärtnerei in Gerswalde (Uckermark) für die Jugendarbeit der NAJU an.
Von Beginn an baut die NAJU hier in Absprache und Zusammenarbeit mit der Waisenhausstiftung erfolgreich eine Naturwerkstatt für Kinder und Jugendliche auf. Einzigartig an dem Projekt ist, dass die „Naturwerkstatt“ von den Jugendlichen selbst entwickelt wird und so ein Ort geworden ist, an dem sie ihre Ideen und Projekte umsetzen können. Darüber hinaus ist die Arbeit der Naturwerkstatt im Jahre 2010 von der „Yves Rocher Fondation“ mit einem Preis in Höhe von 3.000 Euro ausgezeichnet worden.
In rund 36.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit und mehreren Großeinsätzen von Bundeswehreinheiten wurde aus dem heruntergekommenen und verwahrlosten Gelände ein Kleinod. Die Terrassenmauern wurden mit erheblichen Fördermitteln des brandenburgischen Umweltministeriums und anderer Stiftungen aufwendig saniert und vor dem Verfall gerettet.
Nunmehr ist durch den Stiftungsrat der Waisenhausstiftung der Verkauf des Geländes an Privatleute vorgesehen. Der Stiftungsrat setzt sich zusammen aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Landesregierung. Vorsitzender ist der für die Kinder- und Jugendarbeit zuständige Abteilungsleiter des Bildungsministeriums.
Ein Verkauf des Geländes an Privatleute wäre für die Jugendarbeit der NAJU ein Schlag ins Gesicht. Die durch den privaten Verkauf fällige Rückzahlung der Fördermittel könnte die NAJU finanziell ruinieren. Von der massiven Wertsteigerung des Geländes durch die ehrenamtliche Arbeit der NAJU, würden Privatleute profitieren. „Ich bin entsetzt und empört, dass die Vertreter der Landesregierung im Stiftungsrat einem solchen Verkauf zustimmen. zehn Jahre engagierte ehrenamtliche Kinder- und Jugendarbeit würde bei einem Verkauf an Privatleute mit Füßen getreten“ erklärte Friedhelm Schmitz-Jersch, Landesvorsitzender des NABU Brandenburg.
Die NAJU hatte ein über dem gutachterlich ermittelten Verkehrswert gelegenes Kaufangebot abgegeben und darin ausdrücklich die Bereitschaft zu Nachverhandlungen erklärt. Zusätzlich hat die NAJU nunmehr gegenüber der Waisenhausstiftung angeboten, den gleichen Kaufpreis wie die Privatleute zu zahlen.
„Mit Herzblut hängen unsere Kinder und Jugendlichen an der Naturwerkstatt in Gerswalde. Es ist skandalös, dass Landesregierung und Waisenhausstiftung unsere Naturwerkstatt an Privatleute veräußern will. Alle Erklärungen der Landesregierung zum Wert ehrenamtlicher Arbeit und zur Bedeutung der Kinder- und Jugendarbeit, erscheinen uns bei dieser Sachlage als völlig unglaubwürdig“, erklärte Yvonne Drößler, Vorsitzende der NAJU Brandenburg. „Wir erwarten, dass unser Kaufangebot angenommen wird, damit wir unsere erfolgreiche Kinder- und Jugendarbeit fortsetzen können.
Naturwerkstatt Gerswalde
Neues Leben in der alten Schlossgärtnerei
Das alte Gärtnerhaus
Aktuellstes und bisher größtes Projekt der NAJU Brandenburg ist die Entwicklung der alten Schlossgärtnerei in Gerswalde zu einer Naturwerkstatt. Durch praktische Arbeit mit und in der Natur soll die Kreativität der Jugendlichen gefördert und ihre Umweltwahrnehmung geschärft werden. Dazu soll die ehemalige Schlossgärtnerei in den nächsten Jahren aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst werden.
So sah es früher aus. Blick von der oberen Terasse.
1765 bis 1930: Adel verpflichtet!
Den "Großen Garten", wie er in der Familienchronik derer von Arnim genannt wird, gab es schon, bevor Christof Otto von Arnim 1765/66 begann, ihn sowohl nutzbringend als auch landschaftlich schön anzulegen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ Emily von Arnim das Gelände umgestalten. In Anlehnung an Schloss Sanssouci entstanden die zentrale Freitreppe, die großen Feldsteinterrassen und der hinter dem Schlossgraben gelegene Teich.
Auf dem für den Obstanbau hervorragend geeigneten terrassierten Südhang baute sie edles kalifornisches Tafelobst an und machte die Gärtnerei damit weit über die Grenzen der Uckermark hinaus bekannt. Von dem damals entstandenen Gebäudeensemble prägen noch heute das Wohnhaus, die Scheune und das Palmenhaus das Bild des Geländes. Der Adel verlor Mitte der 1920er Jahre den Gerswalder Besitz und somit auch die Gärtnerei. Der Obergärtner Wilhelm Weichhart wurde zum Pächter derselben.
So sah es früher aus. Blick auf Terassen und Gärtnerhaus.
1930 bis 1950: Zeit der Anthroposophen
Das Ehepaar Erich und Käthe Seiferth übernahm 1930 die Gärtnerei, um hier biologisch-dynamisch Obst und Gemüse für das im Schloss ansässige anthroposophische "Heil- und Erziehungsinstitut für seelenpflegebedürftige Kinder" anzubauen. Die Seiferths arbeiteten eng mit dem Leiter und Lehrer Franz Löffler zusammen und integrierten die zum größten Teil behinderten Kinder in die tägliche Arbeit. Die Anthroposophen wussten um die therapeutische Wirkung von Gartenarbeit und wendeten dieses Wissen erfolgreich an.
1932 erhielt Erich Seiferth die Lehrerlaubnis, und in den folgenden Jahren wurde die Gärtnerei zu einer anerkannten Lehrgärtnerei. Die Zeit des Krieges brachte für das Heim viel Not und Probleme mit sich. Da Erich Seiferth die Lehrlinge nicht im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie ausbildete, entzogen die Nazis ihm 1938 die Lehrerlaubnis.
In den Kriegsjahren arbeiteten auch Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine in der Gärtnerei. Seiferths Tochter Ruth-Ingrid erinnert sich an viele Menschen, die in den Kriegs- und Nachkiegswirren hier Zuflucht und Unterschlupf fanden. Im April 1945 zerstörten Tiefflieger Teile der Gebäude und des Gartens, doch nach dem Krieg baute man die Gärtnerei wieder auf. Anfang der 1950er Jahre verließen die Anthroposophen Gerswalde. In der neu gegründeten DDR war kein Platz für ihre Ideen und Konzepte.
1950 bis 2002: Der Jugendwerkhof bezieht Quartier
Die Gärtnerei ging in Volkseigentum über und gehörte zum 1955 gegründeten Jugendwerkhof "Neues Leben". Schwer erziehbare oder straffällig gewordene Jugendliche bekamen hier die Chance, einen Beruf zu erlernen und sollten zu ordentlichen, sozialistischen Staatsbürgern erzogen werden. Die Gärtnerei versorgte nicht nur die Bewohner des Jugendwerkhofes, sondern auch die Gerswalder Bevölkerung und umliegende Ortschaften mit Obst und Gemüse. Die Leiterin Nora Schütte versuchte, weiterhin biologisch-dynamisch zu wirtschaften, konnte dies jedoch nicht lange beibehalten.
Auf dem Gelände wurde viel an- und umgebaut, vier neue, große Gewächshäuser entstanden. Einige dieser Anbauten stehen noch heute. Von 1961 bis 1993 leitete Ernst Schulz die Gärtnerei und bildete bis zur Wende Mädchen des Jugendwerkhofes zu Gärtnerinnen aus.
1990 ging die Gärtnerei in den Besitz der Stiftung "Großes Waisenhaus zu Potsdam" über. Die Lehrausbildung wurde eingestellt. Die Stiftung bot das Gelände privaten Investoren an, die sich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen jedoch nicht halten konnten. Es schien, als hätte die Gärtnerei alle Höhen und Tiefen der letzten Jahrhunderte überstanden, nur die Wende nicht.
seit 2003: Die NAJU packt an
Der Südhang mit seinen Terrassen, Feldsteinmauern und Frühbeetkästen, die Glashäuser und alle Bauten fielen in den Dornröschenschlaf. Im Sommer 2003 kam die Naturschutzjugend Brandenburg nach Gerswalde und entdeckte vieles, was die Herzen von Naturschützern höher schlagen lässt. Seitdem arbeitet sie daran, die Schlossgärtnerei mit neuem Leben zu erfüllen.
Ziel ist der Aufbau einer Naturwerkstatt, in der Naturerleben möglich ist und Ideen und Eigeninitiativen viel Raum zur Umsetzung finden. Die Naturwerkstatt wird eine Umweltbildungsstätte anderer Art - eine Werkstatt in der Natur, ohne teure Ausstattung und Technik, die nicht den Anspruch erhebt, einmal fertig zu sein. Ihr Gesicht kann jederzeit von jungen, kreativen Menschen verändert werden. Man kann Projekte umsetzen und das Leben im Einklang mit der Natur erlernen. Die NAJU will Augen und Herzen öffnen, damit zukunftsfähige, nachhaltige Lebensmuster von Kindern und Jugendlichen erkannt und angenommen werden.
Ein Schwerpunkt ist die Einbeziehung der Gerswalder Jugend. Die NAJU möchte mit ihrem Projekt Gerswalde für Jugendliche attraktiver machen, um der Abwanderung junger Menschen aus dieser strukturschwachen Region etwas entgegenzusetzen.
Die NAJU braucht Freunde, Förderer und jede Menge Unterstützung, denn wir haben noch einen langen Weg vor uns. Doch es wird sich lohnen, die Naturwerkstatt aufzubauen. Wir bringen das Engagement von vielen Kindern und Jugendlichen und die fachliche Unterstützung des NABU ein. Das Entgegenkommen und die Mithilfe vieler Bewohner Gerswaldes und seiner Umgebung machen uns Mut und bestätigen uns auf unserem Weg. Helfen auch Sie mit!
Weitere Informationen:
NAJU Brandenburg
Lindenstraße 34
14467 Potsdam
lgs@najubrabu.de
Tel. 0331 / 2 01 55 75
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